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Titel  Positionspapier 'Ökolandbau', © DLG
Titel Positionspapier ‚Ökolandbau‘, © DLG

DLG / 27.03.2021
DLG-Ausschuss für Ökolandbau legt Positionspapier vor

Fachleute und Praktiker aus der Bio-Landwirtschaft beziehen Stellung zur Bedeutung und den Entwicklungschancen des Ökolandbaus und fordern mehr praxisnahe Forschung

Pressemitteilung / (Frankfurt am Main) Der DLG-Ausschuss für Ökolandbau hat ein Positionspapier zur Bedeutung und den Entwicklungschancen des Ökolandbaus vorgelegt. Dessen Mitglieder, ein verbandsunabhängiger Zusammenschluss von ökologisch wirtschaftenden Landwirtinnen und Landwirten, möchten in der Debatte um die zukünftige Entwicklung der Landwirtschaft dadurch den gemeinsamen Austausch über technische und wissenschaftliche Erkenntnisse mit konventionellen Berufskolleginnen und -kollegen und Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft und Wirtschaft unvoreingenommen fördern, Schnittmengen suchen und neue Impulse für die Landwirtschaft sowie für die Agrarforschung geben.

Verfasser der Publikation sind Gunther Lötzke (Freiherr von der Borch´sche Verwaltung Gut Holzhausen und Ausschuss-Vorsitzender), Dag Frerichs (Levoos GmbH & Co. KG und stellvertretender Vorsitzender), Andreas Engemann (BiolandHof Engemann), Christoph Müller (Biolandhof Müller-Oelbke), Prof. Dr. Detlev Möller (Universität Kassel) und Dr. Achim Schaffner (DLG).

Keine Marktnische mehr

Der DLG-Ausschusses für Ökolandbau stellt in seinem Positionspapier fest, dass Ökolandbau der Nische im Markt entwachsen sei. Seit Beginn der 2000er Jahre habe dieser deutlich mehr Gewicht in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung gewonnen, woraus die politische Forderung nach 20 Prozent Anteil an der gesamten Anbaufläche Deutschlands resultiere. Darüber hinaus hätten Nachfrage und Erzeugung von Bioprodukten sehr deutlich zugenommen.

Problemlösungen auch für konventionelle Landwirtschaft

Große Aufmerksamkeit werde im Ökolandbau der Förderung der Bodenfruchtbarkeit geschenkt, was sich in den umfangreichen Fruchtfolgen widerspiegele. Präventives Denken und Handeln sowie Praxiserfahrung stellten die Basis für eine Landwirtschaft dar, die auf natürliche Synergien und Nährstoffkreisläufe angewiesen ist. Zusätzlich erbringe der Ökolandbau eine Reihe von „Ökosystem-Dienstleistungen“ die ihn dazu qualifiziere, Ideengeber für eine künftige, ökologischere konventionelle Landwirtschaft zu sein. Außerdem könne die ökologische Landwirtschaft mit ihrem breit vorhandenen Praxiswissen, z. B. in den Bereichen Unkrautregulierung und Fruchtfolgegestaltung, Lösungsansätze für aktuelle Probleme und Aufgaben der konventionellen Landwirtschaft bieten.

Taktgeber bei nachhaltigen Innovationen

Ökolandbau baue auf vitalen Ökosystemen auf, schließe Kreisläufe und wirtschafte vorsorgend. Die Erfahrungen mit sich selbst regulierenden, natürlichen Systemen in Ackerbau und Tierhaltung und stete Kundennähe würden den Ökolandbau dazu befähigen, Taktgeber für nachhaltige Innovationen in der Landwirtschaft zu sein.

Regelwerk des Ökolandbaus schaffe Akzeptanz und Vertrauen

Eine besondere Leistung der Ökobranche bestehe darin, sich selbst ein allgemein akzeptiertes und praktiziertes Regelwerk gegeben zu haben, das den Kreislauf- und Systemgedanken auf allen Ebenen der Produktion in den Vordergrund stelle. Die Richtlinien der EU und insbesondere der Verbände seien die Grundsteine für die Vermarktung von Bio-Produkten mit glaubwürdiger Qualität und nachvollziehbarer Entstehung. Das bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern gewonnene Vertrauen und die Akzeptanz höherer Lebensmittelpreise seien wichtige Güter, die es zu erhalten gelte.

Flächengebundene Tierhaltung mit mehr Tierwohl

Für einen weitgehend geschlossenen Nährstoffkreislauf zwischen Boden, Pflanze und Tier erfolge die Öko-Tierhaltung flächengebunden – entweder innerbetrieblich oder im Rahmen einer Kooperation. Die Anzahl der Tiere je Flächeneinheit sei begrenzt, um Belastungen von Boden, Grundwasser und Oberflächengewässern zu vermeiden. Darüber hinaus sei der Zukauf an Dünger stark reglementiert. Damit könne der Ökolandbau Nährstoffkreisläufe weitgehend schließen und Nährstoffüberschüsse vermeiden. Dem Tierwohl werde ein hoher Stellenwert beigemessen: Mit mehr Platz im Stall, Tageslicht, Auslauf im Freien und durch die Wahl geeigneter Rassen erreiche die Öko-Tierhaltung hohe Standards.

Zielbündel aus Artenvielfalt, Tierwohl, Nährstoffeffizienz und Ertragsleistung

Die ökologische Landwirtschaft begrenze freiwillig und richtliniengetreu den Düngereinsatz und trage so unter anderem dazu bei, eine hohe Stickstoff- und Energieeffizienz in der Produktion zu erreichen. Darüber hinaus ordne der Ökolandbau Ziele wie die Sicherung der Artenvielfalt, eine hohe Stickstoff- und Energieeffizienz, hohe Tierwohlstandards etc. gleich hoch ein wie die Ertragsleistung. Bei der Betrachtung des auf den Ertrag bezogenen Ausstoßes an Treibhausgasen schneide der Ökolandbau ähnlich wie die konventionelle Landwirtschaft ab.

Defizite entschlossen angehen

Die Autoren des Positionspapiers stellen auch fest, dass im Ökolandbau durchaus Entwicklungsdefizite bestehen. Zu nennen wären u.a. der Kupfereinsatz, die Eiweißversorgung bei 100-prozentiger Ökofütterung oder auch die Ertragsabstände zum konventionellen Landbau. Diese Defizite ließen sich z. T. mit geringen Forschungsfortschritten begründen, denn die Forschung für den Ökolandbau sei strukturell unterfinanziert.

Wissenschaftlichen Fortschritt im Ökolandbau schneller in die Praxis umsetzen

Durch eine noch stärkere Verbindung zwischen Praxiswissen und praxisorientierter Forschung seien deutliche Entwicklungsmöglichkeiten für den Ökolandbau zu erwarten. Dazu sei es notwendig, die Mittel für Ökoforschung, Pflanzen- und Tierzucht aufzustocken, Projekte zu ermöglichen, die über den üblichen 3-Jahreszeitraum hinausgehen und Landwirte und Forscher stärker miteinander zu vernetzen. Perspektivisch würde sich die Ertragslücke zwischen konventionell und ökologisch wirtschaftenden Betrieben deutlich verkleinern lassen. Der Ökolandbau habe ein großes Interesse daran, die Ertragsfähigkeit dauerhaft zu steigern und zu stabilisieren, ohne dabei die eigenen Grundsätze zu verletzen.

In dem Maße, in dem die Richtlinien eine deutliche Trennung zwischen konventioneller und ökologischer Landwirtschaft ermöglichen würden, schränkten sie unter Umständen aber auch die Entwicklungsmöglichkeiten der ökologischen Landwirtschaft ein. Auf Verbandsebene und in politischen Gremien werde man künftig selbstkritisch prüfen müssen, in welche Richtung sich der Ökolandbau und die nachgelagerten Bereiche entwickeln dürfen und sollen. Es sei zu klären, wie sich die Richtlinienstrukturen verändern ließe, um wissenschaftlichen Fortschritt schneller in die Praxis umzusetzen und die Innovationskraft der Landwirte für einen zukunftsfähigen Ökolandbau zu nutzen.

Ökolandbau „liefert“ öffentliche Güter

Die Förderung des ökologischen Landbaus honoriere die erbrachten Gemeinwohlleistungen. So würde der Ökolandbau eine höhere Artenvielfalt bei der Ackerflora und bei Insekten sowie eine höhere Bodenfruchtbarkeit erreichen und reduziere die Stickstoffeinträge in Gewässer. Verbraucherinnen und Verbraucher würden zunehmend Wert auf gesellschaftliche Verantwortung, Gesundheit, Erhaltung der Artenvielfalt etc. legen und zunehmend Bioprodukte nachfragen. Beides zusammen – der Verkauf von Bioprodukten und die Entlohnung der öffentlichen Güter – sichere die Zukunft der Öko-Betriebe.

Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen für Ökoprodukte ausbauen

Entscheidend für das weitere Wachstum des Ökolandbaus seien neben der Umstellung von Betrieben die Weiterentwicklung der Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen, damit Rohwaren ihren Weg in den Markt finden. Traditionell arbeiteten Öko-Landwirte und Öko-Verarbeiter eng und auf Augenhöhe zusammen, um die Entstehung von Produkten für Verbraucher transparent zu halten. Deshalb müsse im Mittelpunkt der Strategien für die Entwicklung des Ökolandbaus auch die Entwicklung dezentraler, mittelständischer Strukturen stehen. Ziel solle es nach dem DLG-Ausschuss für Ökolandbau sein, neue, kurze Wertschöpfungsketten aufzubauen, die alle Absatzkanäle für Bioprodukte bedienen und das wirtschaftliche Bestehen der Marktpartner nachhaltig absichern könnten.

weitere Informationen: DLG, www.dlg.org

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